Kalender: Die Zeit wird eingeteilt


Kalender: Die Zeit wird eingeteilt
Kalender: Die Zeit wird eingeteilt
 
Ohne Kalender ist unser Leben heute nicht vorstellbar. Die meisten Lebensbezüge unserer Gesellschaft sind von einer einheitlichen und verbindlichen Zeitrechnung abhängig. Wo aber liegen die Ursprünge des Kalenders?
 
Wahrscheinlich ist in der Beobachtung der periodischen Erscheinungen am Himmel der Ursprung der Zeitrechnung zu suchen. Vor allem die Mondphasen, die man auch heute noch in Taschenkalendern verzeichnet findet, haben schon lange vor der Entstehung der ersten Hochkulturen die zeitlichen Lebensrhythmen der Menschen bestimmt. In vielen Sprachen ist die Bezeichnung für »Mond« und »Monat« gleich oder verwandt. Uralt ist auch die Erfahrung, dass Sommer und Winter, Hitze und Regenzeit wie auch die Zeiten für Saat und Ernte mit dem Sonnenlauf zusammenhängen. Die Wiederholung all dieser Vorgänge im Jahreslauf war am Wechsel von Tag und Nacht, an Sonnenaufgängen und -untergängen abzählbar.
 
Es ist also das Phänomen der Periodizität, welches der Mensch aus den Naturerscheinungen abgelesen hat, um es zur Einteilung des Zeitstroms zu nutzen. In Analogie zum Kreislauf der Gestirne am Firmament ist der Jahreskreis daher zu einem Symbol des Kalenders geworden, wie es etwa in antiken Darstellungen des Tierkreises zum Ausdruck kommt. Hier sind es allerdings nicht Sonne und Mond, sondern die Gestirne der zwölf Tierkreisbilder, die besonders seit der hellenistisch-römischen Zeit über Kultur- und Religionsgrenzen hinweg als kalendarische Orientierungsgrößen dienten.
 
 Kalender und Religion
 
Von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis in die Neuzeit hinein war die Entwicklung des Kalenders aufs Engste mit der Religion verknüpft. Ein berühmtes archäologisches Beispiel für den Zusammenhang von Kalender und Religion ist in unseren Breiten das im Südwesten Englands gelegene Steinzeitheiligtum von Stonehenge, das anscheinend auch eine astronomisch-kalendarische Funktion hatte. Die elementaren zeitlichen Lebensrhythmen der Menschen spiegeln sich in vielfacher Weise in den Mythen und Riten der alten Kulturen wider. Das Wissen um die Einteilung der Zeit war vor allem die Domäne der Priester. Die astronomisch bedeutsamen Zeitpunkte im Kalender waren meist mit religiösen Festen besetzt, etwa die Tagundnachtgleichen (Äquinoktien) oder die Sonnentiefst- und Sonnenhöchststände (Solstitien) mit Neujahrsfesten. In allen alten Kulturen galten Sonne, Mond und andere auffällige Gestirne als wichtige Gottheiten, die meist an den markanten Punkten ihres Umlaufs kultisch verehrt wurden. Gegen diese Vergötterung der Gestirne richtet sich die funktionale Sicht von Sonne, Mond und Sternen im biblischen Schöpfungsbericht aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. Danach hat der Gott Israels die »Himmelslichter« als eine Art kosmische Uhr an den Himmel gesetzt. Diese biblische »Entgötterung« der Gestirnwelt ist eine unmittelbare Konsequenz des Monotheismus, der nur die Verehrung eines Gottes zulässt.
 
Auf dem Hintergrund dieser religiösen Revolution ist etwa auch die Entstehung der Siebentagewoche zu verstehen. Es spricht einiges dafür, dass der Sabbat ursprünglich ein Vollmondfest zu Ehren einer Mondgottheit war. Seit dem babylonischen Exil im 6. Jahrhundert v. Chr. wurde im Judentum jedoch unabhängig von den Mondphasen regelmäßig alle sieben Tage der Sabbat als heiliger Tag und als Bekenntniszeichen für den Gott Israels begangen. In der biblischen Schöpfungsgeschichte wird diese neue Siebener- oder Sabbatstruktur der Zeit theologisch begründet: Die Erzählung von der Schöpfung in sechs Tagen gipfelt in der Ruhe Gottes am siebten Tag.
 
 Die Kalender der Hochkulturen
 
Auch wenn es schon im China des 3. Jahrtausends v. Chr. eine hoch entwickelte Kultur mit einem an die Sonne »gebundenen« Mondkalender, einem Lunisolarkalender, gegeben hat, gilt Mesopotamien als die Geburtsstätte der Astronomie und Mathematik und Wiege eines solchen Kalenders. Hierbei werden die zwölf Mondmonate mit meist abwechselnd 29 und 30 Tagen Monatslänge, insgesamt 354 Tage, durch Einschaltung weiterer Monate in bestimmten Zeitabständen mit dem Sonnenjahr von etwa 365 ¼ Tagen in Übereinstimmung gebracht. Die mondorientierten Völker des Altertums erklärten die erste Sichtbarkeit des neuen Mondes am Abendhimmel, das Neulicht, zum Monatsbeginn.
 
Im 3. Jahrtausend v. Chr. hatten die einzelnen sumerischen Stadtstaaten im Süden Mesopotamiens noch jeweils eigene Kalender. Am Anfang des 2. Jahrtausends jedoch setzte sich der Kalender der Stadt Nippur mit seinen Monatsnamen als Standardkalender des gesamten Zweistromlands durch. Bis zum 6. Jahrhundert v. Chr. wurden die Einschübe von Schaltmonaten, die Interkalationen, durch königliches Dekret je nach Bedarf angeordnet. Erst danach kam es zu Schaltungen in längeren Perioden wie 8-Jahres- oder 19-Jahres-Zyklen, die auf Vorausberechnungen anhand gewachsener astronomischer Kenntnis beruhten. Im Altertum wurde die Schaltungspraxis mesopotamischen Ursprungs über das Perserreich im Vorderen Orient verbreitet. Auch im antiken Griechenland waren lunisolare Kalender im Gebrauch; ähnlich war es in Rom bis zur Kalenderreform Caesars. In der Gegenwart findet der gebundene Mondkalender in Israel nicht nur als religiöser Kalender Verwendung, sondern dient neuerdings auch zur Paralleldatierung in offiziellen Dokumenten. Im Unterschied dazu ist der islamische Mondkalender ein »freier« Mondkalender, da nach dem Koran das Einschalten ganzer Monate verboten ist. Aufgrund der fehlenden Schaltung wandern der Jahresanfang, die Monate und die Feste einmal in 33 Jahren durch das Sonnenjahr.
 
Für eine Ackerbaukultur ist ein lunares »Wanderjahr« allerdings ungeeignet, da die Vegetationszyklen nicht an die Mondphasen gebunden sind, sondern an das Sonnenjahr. Als Wiege des Sonnenkalenders gilt das alte Ägypten, weil dort die Sonne in verschiedenen Gestalten als höchste Gottheit verehrt wurde. Allerdings waren auch im Reich des Sonnengotts verschiedene Mondkalender in Gebrauch, und das offizielle ägyptische Jahr richtete sich, genau genommen, nicht nach der Sonne. Vielmehr bestand es unabhängig von Sonne und Mond aus zwölf schematischen Monaten zu je 30 Tagen und fünf Zusatztagen, den Epagomenen, am Ende des Jahres, sodass es mit 365 Tagen der Länge des Sonnenjahres, des tropischen Jahres, von etwa 365 ¼ Tagen sehr nahe kam. Neben dem 365-Tage-Jahr haben wir übrigens den alten Ägyptern auch die Einteilung des Tages in 24 Stunden zu verdanken.
 
Bei der Herausbildung des ägyptischen Kalenders am Beginn des 3. Jahrtausends v. Chr. spielten die für die Landwirtschaft so wichtigen jährlichen Nilüberschwemmungen eine entscheidende Rolle. Diese traten etwa gleichzeitig mit der Sommersonnenwende und der ersten Sichtbarkeit des hellsten Fixsterns am Morgenhimmel, des Sirius, ägyptisch Sopdet und griechisch Sothis genannt, ein. In Ägypten wurde er deshalb als »Bringer des Neuen Jahres und der Überschwemmungen« verehrt. Da jedoch das Jahr von 365 Tagen um einen Vierteltag kürzer war als das tropische Jahr, verzögerte sich dessen Morgenaufgang alle vier Jahre um einen Kalendertag, nach 120 Jahren um einen ganzen Monat. Jahrtausendelang haben die Ägypter mit dieser Verschiebung gelebt, bei der der Anfang der Monate erst nach einer »Sothisperiode« von 1460 (= 4×365) Jahren wieder mit dem Sothisaufgang zusammenfiel.
 
Erst der römische Staatsmann und Feldherr Gaius Iulius Caesar setzte eine Anpassung an das tropische Sonnenjahr durch, nachdem 200 Jahre zuvor in Ägypten eine entsprechende Kalenderreform, das Dekret von Kanopus, gescheitert war. Caesar ließ den alexandrinischen Astronomen Sosigenes eine Kalenderreform erarbeiten, die 46 v. Chr. in Kraft trat: Von nun an wurde alle vier Jahre ein zusätzlicher Schalttag eingefügt. Dieser »julianische Kalender« mit seinen bei uns auch heute noch gebräuchlichen Monatsnamen Januar bis Dezember erwies sich als äußerst zweckmäßig und verdrängte allmählich alle anderen Kalender im Römischen Reich. So bildete er, 1582 leicht durch die gregorianische Reform korrigiert, die Grundlage für Zeitrechnungen bis in die Neuzeit.
 
Dr. Matthias Albani & Dr. Uwe Gleßmer

Universal-Lexikon. 2012.

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